13. März 2025

Provokation: Game-Changer oder Chaos-Stifter?

In Deutschland ist der Begriff Provokation (und noch stärker das bewusste Provozieren) im Alltag durchweg negativ belegt. Provokationen stören das Miteinander, verletzen und stiften gegebenenfalls zu unerwünschtem bis unerlaubtem Verhalten an. In der beruflichen Zusammenarbeit wird daher auch aktiv daran gearbeitet, provokatives Verhalten zu vermeiden und abzutrainieren.
2024 Marc Riedinger

Autor:in

Marc Riedinger

Zwei Kängurus kämpfen miteinander als Symbolbild für Provokation als Game Changer oder Chaos Stifter.

Im Englischen hat der Begriff auch eine positive Bedeutung. Wird etwas beispielsweise als “thought-provoking” bezeichnet, ist damit gemeint, dass ein bestehendes Denkmuster bewusst gestört wurde, damit für die entsprechende Person ein neuer und oft bereichernder Blickwinkel entsteht. Und auch wenn diese “Störung” negativ empfunden werden kann, wird das Ergebnis – und damit der Begriff - positiv bewertet. Man könnte es auch als forciertes Verlassen der Komfortzone beschreiben. Klingt das nicht zumindest verwandt mit dem, was wir im Innovationsmanagement, Change-Management, Business Coaching oder Agile Coaching erreichen wollen? 

Übersehen wir also wertvolle Optionen in der Entwicklung von Menschen, Teams und Organisationen, wenn wir uns stark darauf konzentrieren, Provokation zu vermeiden und unterdrücken? 

Provokation kann hilfreich sein 

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Beratung, der Moderation und im Coaching bewusst gesetzte Provokation nicht nur hilfreich, sondern auch notwendig sein kann, um Veränderung überhaupt möglich zu machen. Gerade festgefahrene Muster sind oft durch weniger direktive Interventionen kaum zu lösen. In der systemischen Arbeit spricht man dabei von Perturbation – dem gezielten Stören eines Systems, um (Selbst-)Erkenntnis und Veränderung zu bewirken. 

Wichtig dabei: In einem solchen Fall provoziere ich im Interesse meines Gegenübers, nicht aus Eigennutz oder Lust an der Freude. Die Provokation verfolgt ein konstruktives Ziel, kein destruktives. 

Welche Vorteile Sie von Provokation erwarten können 

Bei konstruktiver Provokation geht es nicht darum, Chaos zu stiften und Egoismen zu stärken. Es geht darum, notwendige Reibung zu erzeugen, um tieferes Denken, produktiven Dialog und letztlich Veränderungsfähigkeit zu fördern. Die Provokation hilft dabei den Beteiligten mit einem “Schubs” aus ihrer Komfortzone heraus. 

Das kann in mehrerlei Hinsicht vorteilhaft sein, beispielsweise im Hinblick auf: 

  • Innovationskultur: Provokative Fragen und Übungen fordern Bestehendes heraus und regen die Kreativität an. 
  • Entscheidungsfindung: Durch das direkte Hinterfragen von Annahmen können fundiertere Entscheidungen getroffen werden. 
  • Teamdynamik: Konstruktive Provokation kann offene Kommunikation und damit eine vertrauensvolle Zusammenarbeit fördern. Wichtig: Destruktive Provokation erzeugt das Gegenteil. 
  • Effizienz und Beschleunigung: Provokation kann Veränderung deutlich beschleunigen, im Vergleich zu einer Konsens-orientierten Vorgehensweise. Denn im Kern bleibt Provokation ein Dominanzverhalten (“eine/r setzt den Ton”). 

Geht das mit Provokation so einfach wie es klingt? 

Leider nein. Konstruktiv zu provozieren, gehört meiner Erfahrung nach zu den herausforderndsten Kompetenzen in der Beratung, der Moderation und dem Coaching.  

  • Provokation braucht Empathie als Gegenspieler: Eine konstruktive Provokation muss von meinem Gegenüber als solche verstanden werden, damit sie funktioniert und nicht als Angriff wahrgenommen wird. Dazu braucht es hoch entwickelte Kompetenzen in Wahrnehmung und aktivem Zuhören. 
  • Konstruktive Provokation geht nur über Selbst-Reflexion: Um konstruktiv zu provozieren muss ich in der Lage sein, meine eigenen Interessen und Tendenzen deutlich zu erkennen und sie hintan zu stellen. Nur dann kann ich entscheiden, ob eine Provokation im Sinne meines Gegenübers ist oder mir selbst dient und damit potenziell destruktiv ausfällt.  
  • Provokation braucht Konfliktmoderation: Auch eine sehr gut platzierte konstruktive Provokation kann zunächst Unbehagen, Unruhe oder sogar einen Konflikt auslösen. Es braucht auch hier Kompetenzen, um dem Gegenüber durch diesen unangenehmen Übergang zu helfen. 

Ich selbst konzentriere mich zu Beginn einer Moderation, Beratung oder Coaching-Beziehung stark darauf, ein vertrauensvolles und als sicher wahrgenommenes Umfeld zu schaffen. Damit ist ein stabiles Fundament gelegt, das auch die ein oder andere Irritation aushalten kann, ohne durch eine Provokation zu kollabieren. 

Dennoch bleibt es für mich ein immer spannendes Balance-Spiel mit Provokation zu arbeiten, auch nach jahrelanger Erfahrung. Als Mittel zur echten und nachhaltigen Veränderung möchte ich aber nicht darauf verzichten. 

Möchten Sie mehr dazu erfahren? Schreiben Sie mir gern! 

Marc Riedinger

Organisationsberatung und Coaching
2024 Marc Riedinger